Elke Schweigart, BBK – Kulturpreisverleihung der Stiftung Herzogtum Lauenburg (2020)

Lau­da­tio
Kul­tur­preis­ver­lei­hung der Stif­tung Her­zog­tum Lau­en­burg an Clau­dia Bor­mann
Novem­ber 2020

Der dies­jäh­ri­ge Kul­tur­preis der Stif­tung Her­zog­tum Lau­en­burg geht an die Künst­le­rin Clau­dia Bor­mann.
Als Zwei­te Vor­sit­zen­de des Bun­des Bil­den­der Künst­ler Schles­wig-Hol­stein freue ich mich sehr über das Enga­ge­ment der Stif­tung, die mit der Ver­lei­hung des Kul­tur­prei­ses Kul­tur­schaf­fen­de in unse­rem Land unter­stützt.
Es freut mich beson­ders, dass mit Clau­dia Bor­mann eine Künst­le­rin geehrt wird, die seit vie­len Jah­ren akti­ves Mit­glied unse­res Berufs­ver­ban­des ist. Clau­dia Bor­mann nimmt seit 1994 regel­mä­ßig an der jähr­lich statt­fin­den­den jurier­ten Lan­des­chau teil. 2017 erhielt sie den Publi­kums­preis der BBK-Lan­des­schau in der Stadt­ga­le­rie Kiel.

Clau­dia Bor­mann hat ihre Male­rei in den letz­ten 20 Jah­ren zu einem umfang­rei­chen eigen­stän­di­gen Werk ent­wi­ckelt. Aus­ge­hend von Koh­le­zeich­nun­gen und stark abs­tra­hier­ten Schwarz­weiß­ma­le­rei­en ist eine Kunst ent­stan­den, die die freie künst­le­ri­sche Ges­te mit einer hoch­ent­wi­ckel­ten impres­sio­nis­ti­schen Dar­stel­lung ver­knüpft.
Die groß­for­ma­ti­gen Male­rei­en fes­seln den Betrach­ter auf unter­schied­li­chen Ebe­nen. Beim Anblick der Bil­der erlebt man zunächst das Moment der Wie­der­erken­nung einer land­schaft­li­chen Situa­ti­on. Eine Spie­ge­lung auf dem Was­ser, eine Anord­nung von Bäu­men am Ufer­saum, Licht­stim­mun­gen einer bestimm­ten Wit­te­rung. Die Land­schaf­ten strö­men Ruhe aus und Inti­mi­tät, ein eng gefass­ter, naher Bild­aus­schnitt macht den Blick zu etwas Per­sön­li­chem, Pri­va­ten.
Betrach­tet man das Bild wei­ter oder tritt näher an es her­an, scheint eine wei­te­re Les­art des Bil­des auf: Man sieht plötz­lich die Male­rei, die auf der zwei­di­men­sio­na­len Flä­che statt­fin­det. Man ver­gisst Abbild­haf­tig­keit, Illu­si­on und Tie­fen­raum und fin­det sich in einem unge­gen­ständ­li­chen Bild wie­der. Gro­ße, muti­ge Pin­sel­stri­che, kon­tras­tie­ren­de Farb­set­zun­gen, Ver­läu­fe und Ver­wi­schun­gen tre­ten dem Betrach­ter als rei­ne Male­rei vor Augen. Wir spü­ren die Sog­wir­kung einer Farb­flä­che, fol­gen mit dem Blick den Bewe­gun­gen des Pin­sel­duk­tus, genie­ßen die Frei­heit pas­tos gesetz­ter Far­be, um im nächs­ten Moment in der Trans­pa­renz lasie­ren­der Farb­schich­ten zu ver­sin­ken. Die span­nungs­rei­che Bild­kom­po­si­ti­on führt unse­ren Blick durch das abs­trak­te Bild wie durch eine zwei­te Land­schaft, die nur in der Male­rei besteht.
Die­se simul­ta­ne Erfah­rung in der Wahr­neh­mung begrün­det wohl den anhal­ten­den Erfolg, den Clau­dia Bor­manns Kunst genießt. Ihre gro­ße, tech­ni­sche Per­fek­ti­on ist die Vor­aus­set­zung für das Schaf­fen die­ser wirk­mäch­ti­gen Bild­spra­che.
Die Künst­le­rin prä­sen­tiert ihre Male­rei seit vie­len Jah­ren in anspruchs­vol­len Ein­zel- und Grup­pen­aus­stel­lun­gen. Bei­spiel­haft genannt sei­en hier Aus­stel­lun­gen im Rat­ze­bur­ger Kreis­muse­um, im Möll­ner Muse­um, im Ost­hol­stein­mu­se­um Eutin, im Hafen­mu­se­um Bre­men und in den Räu­men der Kunst­stif­tung der Spar­kas­sen­stif­tung Kiel. Zahl­rei­che Aus­stel­lun­gen in Gale­ri­en sowie Ankäu­fe für öffent­li­che Samm­lun­gen unter­strei­chen die gro­ße Wert­schät­zung, die Bor­manns Kunst in Fach­krei­sen genießt.
Clau­dia Bor­mann ent­wi­ckelt ihre Male­rei ste­tig wei­ter. Sie ent­wirft für bestimm­te Aus­stel­lungs­for­ma­te eige­ne Bild­se­ri­en. So hat sie für die Aus­stel­lung „Ver­weh­te Orte“ im Lan­des­mu­se­um Schloss Got­torf einen umfang­rei­chen Bild­zy­klus geschaf­fen, der sich mit der Geschich­te des Ortes befasst und sei­ne unter­ge­gan­ge­ne Ver­gan­gen­heit in neu­en Bild­schöp­fun­gen auf­schei­nen lässt.
Clau­dia Bor­mann wei­tet ihren Blick immer wie­der aufs Neue. Sie öff­net sich, betritt unbe­kann­tes Ter­rain und fin­det so die Sujets für ihre Kunst.
Mehr­mo­na­ti­ge Arbeits­auf­ent­hal­te haben die Künst­le­rin in den letz­ten Jah­ren nach Süd­afri­ka und Zim­bab­we, nach Island, nach Bra­si­li­en und Indi­en geführt. Die­se Rei­sen gestal­tet Bor­mann in ganz bestimm­ter Wei­se, wel­che cha­rak­te­ris­tisch für ihre Hal­tung ist: Sie begeg­net dem Ort und den Men­schen mit größt­mög­li­cher Offen­heit.
Sie beob­ach­tet, wie der Regen am Ama­zo­nas die Land­schaft unter Was­ser setzt und eine amphi­bi­sche Welt ent­ste­hen lässt. Die­se „Zwi­schen­welt“, wie sie es nennt, wird spä­ter zum The­ma einer gan­zen Werk­rei­he. Sie aqua­rel­liert, foto­gra­fiert, lässt sich Zeit. Sie setzt sich stun­den­lang an die Ghats von Vara­na­si in Indi­en, und lässt sich von Men­schen und Natur ein­neh­men. Besu­che von Yoga-Zen­tren und Vor­le­sun­gen an der dor­ti­gen Uni­ver­si­tät tra­gen eben­so zu ihren Ein­drü­cken bei, wie Gesprä­che über Kunst mit orts­an­säs­si­gen Künst­lern. Clau­dia Bor­mann grenzt sich nicht ab, sie lässt sich ein. Sie kommt nicht mit vor­ge­fer­tig­ten Erwar­tun­gen an einen Ort. Sie setzt sich dem Leben aus und ver­sucht, die Erfah­run­gen in neue Bild­fin­dun­gen zu gie­ßen.
Dabei betrach­tet sie alles Gese­he­ne mit dem Blick der Male­rin. Wo bil­den Far­ben und For­men eine inter­es­san­te Kom­po­si­ti­on, wo ent­steht ein aus­sa­ge­kräf­ti­ges Zusam­men­spiel von Bild­ge­gen­stän­den?
Das For­ma­le spielt bei all dem immer eine Rol­le. Aber Bor­mann bleibt bei der Aus­wahl ihrer Moti­ve nicht beim For­ma­len ste­hen. Die Was­ser­bas­sins der Ghats in Indi­en sind Orte des reli­giö­sen Ritu­als. Hin­dus aus dem gan­zen Land pil­gern dort­hin, um sich zu rei­ni­gen, um zu opfern oder um ihre Ange­hö­ri­gen in Feu­er­be­stat­tun­gen am Gan­ges zu ver­bren­nen. Clau­dia Bor­mann beob­ach­tet, was Men­schen bewegt und lei­tet. Und so fin­den die reli­giö­sen Ritua­le Ein­zug in Bor­manns Bil­der: In den hier aus­ge­stell­ten Wer­ken „Sun­ken Idols“ aus den Jah­ren 2019 und 2020 sehen wir den Aus­schnitt eines sol­chen Was­ser­bas­sins, in den die Men­schen Figu­ren, Schmuck und Blü­ten­blät­ter als Aus­druck ihrer reli­giö­sen Demut gewor­fen haben. Die Spur ihres Tuns wird zum Bild­in­halt bei Bor­mann.
Clau­dia Bor­mann betrach­tet das Hei­li­ge und das Pro­fa­ne mit der glei­chen, wert­frei­en Offen­heit: Das Opfer­ri­tu­al im hei­li­gen Was­ser ver­folgt sie mit glei­chem Inter­es­se wie die Ver­hand­lun­gen über den Holz­preis, die am sel­ben Ort geführt wer­den. Sie sieht die ins Was­ser gewor­fe­nen Blü­ten- und Schmuck­op­fer mit dem­sel­ben Blick wie die im Was­ser umher­trei­ben­den Plas­tik­tü­ten. Alles nimmt Bor­mann in ihre Bild­welt auf und lässt es neben­ein­an­der bestehen.
In der Bild­se­rie „Sun­ken Idols“ wird somit bei­des sicht­bar: Clau­dia Bor­manns Blick auf die Men­schen und das, was sie aus­macht, sowie ihr untrüg­li­ches Gefühl für for­mal span­nen­de Bild­fin­dun­gen.
Leuch­ten­de, bunt­far­bi­ge Erschei­nun­gen der Was­ser­ober­flä­che erstrah­len neben ver­wisch­ten, ein­ge­trüb­ten Bild­stel­len, die einen Blick in die Tie­fe des Was­sers frei­ge­ben. Nach kur­zer Distanz ist die­se dem ein­fal­len­den Licht und unse­rem Blick ent­zo­gen. Ver­sun­ke­nes, Ver­gan­ge­nes wird mehr zur Ahnung als zum gese­he­nen Objekt.
Und so ent­steht beim Betrach­ten von Bor­manns Bil­dern immer auch das Moment des Zurück­ge­wor­fen­seins auf uns selbst und unse­re Vor­stel­lungs­kraft. Im Gewahr­wer­den, dass unser Blick immer nur einen momen­ta­nen Ein­druck ein­fängt, ohne das Gan­ze zu sehen, kann der Betrach­ter in der Aus­ein­an­der­set­zung mit Bor­manns Kunst selbst zu einer demü­ti­gen Hal­tung fin­den.

Elke Schwei­gart (Berufs­ver­band Bil­den­der Künst­ler), Novem­ber 2020